Personenkult

Personenkult
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Kult um eine Person ist ein weltumspannendes und durch alle Epochen hindurch vorhandenes Phänomen. Es beschreibt die übermäßige Verehrung und Glorifizierung einer Person im eigentlichen Sinne und erfordert ein Höchstmaß an Idealisierung. Man kann es auch als die Personifizierung aller Hoffnungen und Wünsche betrachten. Hierbei unterscheidet man verschiedenste Formen; erwähnenswert ist unter anderem der Starkult in westlichen Ländern. Im Unterschied dazu stellt Personenkult ein Höchstmaß an moralischen Ansprüchen dar und ist vor allem in demokratisch unterentwickelten oder schwach entwickelten Ländern meist ein Zeichen von Diktatur oder der erste Ansatz hin zu einer autoritären Regentschaft.

Formen
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In Kurdistan können wir zwei unterschiedliche Formen dieses Kultes beschreiben, die durch alle politischen Lager und alle Teile Kurdistans hindurch ihre Verbreitung finden. Sie unterscheiden sich hauptsächlich in der Initialzündung; während die erste Form Taten von großem Mut und Charisma voraussetzt, handelt es sich bei der zweiten Form um ein „vererbten“ Kult, dessen Existenzberechtigung auf Propaganda und eine Art Treue zum Vererber beruht. Nicht zu verwechseln damit ist eine andere Form von Kult, der sogenannte Totenkult um Märtyrer oder verstorbene Größen der kurdischen Geschichte. Auch diese Form ist in allen Teilen Kurdistans und durch alle politischen Lager hindurch verbreitet und wird teilweise zum Zwecke von Eigeninszenierung sowie als Existenzberechtigung einiger Personen und politische Gruppen propagandistisch in eigenem Sinne gedeutet bzw. umgedeutet. Es ist ein durchaus gelegenes Mittel, da Tote sich als wehrlose und gehorsame Komparsen gerade anzubieten.

Facebook und Youtube
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Medien sind ein weiterer wichtiger Aspekt. Sie dienen der Erleichterung, wenn es darum geht den Kult zu entwickeln oder zu steigern. Dabei werden in der heutigen Zeit nicht nur gängigen Medien eingespannt, sondern auch modernen Social Networks wie Facebook und Youtube. Man finden in den Social Networks viele Fanseiten für Personen des politischen Lebens, und Politiker tauchen auf zahlreiche Profilbilder und Videos auf. Auch haben beinahe alle politischen Führer das Medium für sich entdeckt. Die Betrachtung von Social Networks ist aber nicht nur interessant, weil es den Kult fördert, sondern es macht auch die Ausmaße ersichtlich.

Entstehungsgeschichte
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Die Medien aber sind im Gegensatz zu einem Kult, der auf Erbschaft basiert, nicht Auslöser für den Personenkult um den meisten kurdischen Führern der Sechziger, Siebziger und Achtziger Jahre. Dieser Kult um bestimmte Personen beruht auf anderen Faktoren: Es resultiert aus einer scheinbar hoffnungslosen Ausganssituation voll von Demütigung und Repressalien gegen das kurdische Volk, in der eine charismatische Person berechtig oder unberechtigterweise alle Zeichen der Hoffnung und Befreiung auf sich vereinigen kann, heraus. Zum anderen wird dieser Effekt durch die Unerbittlichkeit der unterdrückenden Staatsorgane noch einmal um das zig-fache gesteigert. Auf diese Entstehungsgeschichte können wir in Kurdistan mehr oder weniger alle Formen von Personenkult, die nicht geerbt wurden, zurückführen.
Geerbter Kult
Im Gegensatz dazu wird vererbter Personenkult durch Medien maßgebend gefördert und getragen. Dabei wird einer Person nicht durch eigenes Charisma und Tatendrang diese Verehrung zuteil, sondern er erhält es vielmehr durch seine engeren Blutbeziehungen. Diese Art von Personenkult ist vor allem in Südkurdistan, unter den Söhnen bestimmter politischer Führer der Sechziger, Siebziger und Achtziger zunehmend erkennbar. Er findet seine Berechtigung nicht nur in der Propaganda, sondern auch in tiefarchaischem Feudaldenken. Mit anderen Worten, er beruht mehr auf dem „Agha-Prinzip“ als auf demokratischem Gedankengut. Gemeinsam haben beide Formen den Nimbus der Unfehlbarkeit, ähnlich religiösen Vorstellungen: Nicht die Fakten sind von Bedeutung, sondern wie in einer Religion ist der Glaube maßgebend. Nicht umsonst kann man in manchen Fällen von einer Pseudo-Religiosität sprechen.

Aufklärung
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Die Glorifizierung bestimmter Menschen ist unumgänglich. Es ist aber eine konsequente Trennlinie hin zu Personenkult zuziehen. Natürlich braucht die Gesellschaft auch gesunde Vorbilder. Es ist Teil der menschlichen Entwicklung von anderen Menschen zu lernen. Aber es kann keine Rede mehr von gesunder Vorbildfunktion sein, wenn man einer Person blind und mit festem Gehorsam in jeder erdenklichen Misere folgt und zum Teil die Fakten in einer naiv bis hin zu selbsttäuschenden Art und Weise umdeutet oder zur Gänze ignoriert, so dass sie dem Rahmen der Unfehlbarkeit einer Person wieder gerecht werden. Auch spricht es von einem schwachen Selbstbewusstsein, gar von Gleichgültigkeit, wenn man seine politische Verantwortung einer anderen Person bedingungslos und ohne die Anwendung des eigenen Verstandes überlässt. Nicht umsonst ist Personenkult wie vieles, eine Begleiterscheinung von Armut und mangelnder Bildung und daraus folgt auch, dass der größte Feind von Personenkult in der Aufklärung und dem Lernern humanistischer Grundgedanken zu finden ist.

Autor: Aram Jamil
Bild: Aus dem Netz
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Dissident © 2014

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