Kawa Germyani – Ein Opfer der Wahrheit

“Meine Eltern gelten seit der Anfal-Operation als verschollen. Kawe Germiyanis Vater ist als Märtyrer für Kurdistan gestorben, und jetzt wird auch unser gemeinsames Kind als Halbwaise auf die Welt kommen.” (1). Shirin Amin, die Witwe des getöteten Journalisten Kawe Germiyani, glaubt kaum daran, dass der Mord an ihrem Ehemann aufgeklärt werden wird. Sie vermutet politische Motive dahinter. Das Ehepaar war nur knapp ein Jahr verheiratet gewesen. Germiyani hatte sich unbändig auf die Geburt des ersten gemeinsamen Kindes gefreut und war in den Tagen vor seiner Ermordung damit beschäftigt gewesen, einen passenden Namen für seinen Sohn auszusuchen.

Südkurdistan ist im Vergleich zum restlichen Irak sehr ruhig. Aber die unabhängigen Medien sind anfällig, wenn interne politische Spannungen aufflammen. Sie sind darauf angewiesen, Selbstzensur zu betreiben, um hochrangigen Beamten und Parteifunktionären nicht zu nahe zu treten. Immer wieder werden Journalisten, die sich kritisch über der PDK und PUK nahestehende Funktionäre geäußert haben, bedroht oder sogar ermordet. Zu den prominentesten ermordeten Journalisten gehören Soran Mame Heme, Abdulstar Tahir Sherif, Zerdesht Osman und schließlich auch Kawe Germiyani.

Kawe Ahmed Mohamed, der als Kawe Germiyani berühmt werden sollte, wurde am ersten Juli 1978 in einem Flüchtlingslager bei Rasht im Iran geboren. Seine Familie hatte wie viele andere auch nach dem Scheitern der September-Revolution unter der Führung von Mustafa Barzani flüchten müssen; sein Vater war ein ranghoher Militär unter Barzani gewesen.

Nach dem frühen Tod seines Vaters musste der junge Kawe seine Schullaufbahn abbrechen, da seine nun verwitwete Mutter auf seine finanzielle Unterstützung angewiesen war. Neben seiner Muttersprache Kurdisch beherrschte er außerdem Arabisch und Persisch.

Schon vor seiner journalistischen Laufbahn hatte Germiyani begonnen, Gedichte zu schreiben, eine Angewohnheit, die er bis zu seinem Tod beibehalten sollte. Er begann seine journalistische Laufbahn 2004 als Fotojournalist. Bald darauf begann er, Artikel für Awene, einer der renommiertesten Zeitungen Südkurdistans, die als unabhängig gilt, zu verfassen. In der Folge begann er auch für andere unabhängige Zeitungen zu schreiben.

Es war ihm ein Bedürfnis, auf die Missstände in der kurdischen Gesellschaft hinzuweisen. 2011 veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel “Bellge Rreshkan” (“Die schwarzen Beweise”), in dem er Beweise für die allgegenwärtige Korruption in Kurdistan präsentierte und analysierte. Außerdem fungierte er als Herausgeber des Magazins Rayel.

Neben seiner journalistischen Tätigkeit engagierte Germiyani sich auch für soziale Belange. Er war Mitbegründer der Germiyan-Hilfsorganisation, die sich der Unterstützung der Überlebenden der Anfal-Operation verschrieben hat. Germiyani nahm an zahlreichen Demonstrationen teil, wo er mehrfach mit Sicherheitkräften zusammenstieß – unter anderem wurde ihm das Nasenbein gebrochen. Mehrfach wurde seine Ausrüstung konfisziert und zerstört, um die Ausübung seiner Arbeit zu erschweren.

Germiyanis unermüdlicher Einsatz gegen Korruption und Vetternwirtschaft brachte ihm nicht nur Freunde ein. Mehrfach bekam er die Willkür kurdischer Behörden zu spüren, die er mit seiner schonungslosen Offenheit verärgert hatte.

“Du Hundesohn, wenn Du diese Zeitschrift morgen veröffentlichst, werde ich Deinen Kopf im Grab Deines Hundevaters begraben.” (2) Diese Drohung stieß PUK-Funktionär Mehmud Sengawi, bekannt für seinen respektlosen Umgang mit der Presse, telefonisch gegenüber Germiyani aus, als dieser plante, einen wenig schmeichelhaften Artikel über Sengawis Verwicklung in einen Korruptionsskandal zu publizieren. Germiyani war geistesgegenwärtig und couragiert genug, das im Juli 2012 stattgefundene Gespräch erst mitzuschneiden und später auf Youtube zu veröffentlichen. 18 Monate später, am fünften Dezember 2013, wurde er vor seiner Haustür in Kelar von Unbekannten erschossen.

Schnell war Sengawi der Hauptverdächtige. Im Januar 2014 verhaftet, wurde er vor Gericht gestellt, wo er seine Unschuld beteuern und aus Mangel an Beweisen schließlich freigesprochen werden sollte. Wenig später wurden kritische Stimmen laut, die dem vorsitzenden Richter Jasim Rahim Befangenheit vorwarfen – er und Sengawi sind Parteigenossen. Wenig später wurden zwei weitere Verdächtige, ebenfalls Mitglieder der PUK, festgenommen und bekannten sich schnell schuldig. Nicht nur Germiyanis Familie hat die Schuld der beiden angeblichen Attentäter angezweifelt. Kurz nach seiner Ermordung meldeten sich andere unabhängige Journalisten sowie Menschenrechtsorganisationen zu Wort, die verlauten ließen, dass sie bezweifelten, dass der wahre Schuldige jemals gefunden und abgeurteilt werde. Zu groß seien Korruption und Befangenheit der zuständigen Gerichte.

Germiyanis Ermordung löste heftige Reaktionen in der Bevölkerung aus. Unter anderem kam es zu Massendemonstrationen in Erbil, Kalar und Sulaymaniah.

Der gefeierte kurdische Dichter Abdullah Pashew fasste die Situation folgendermaßen zusammen: “Kawe Germiyani wurde in einem Land ermordet, wo kein System, keine Institutionen, keine unabhängigen Gerichte, keine Verfassung und keine Gesetze existieren. Das ist der Grund, warum wir keinen fairen Prozess erwarten sollten, in dem die wahren Verbrecher bestraft werden.”

 

 

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Von Hawar Jaf
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Dissident © 2014

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Quellen:


(1) Interview von Awêne Zeitung Kalar (Germiyan) 10.12.2013: http://www.awene.com/article/2013/12/10/28024

(2) Telefonaufnahme Kurdistan Sulaymaniah 24.07.2012: https://www.youtube.com/watch?v=rkiyorxKcT0

(3) Interview von Awêne Zeitung Sulaymaniah 14.12.2013 :http://www.awene.com/article/2013/12/14/28146

Weitere Quellen:

  1. http://www.awene.com/article/2013/12/14/28143, abgerufen 26.0.2014
  2. http://www.awene.com/article/2013/12/11/28072, abgerufen 26.0.2014
  3. http://awene.com/archivedpaper/2013/12/10/28148, abgerufen 26.0.2014
  4. https://cpj.org/reports/2014/04/mountain-of-impunity-looms-over-kurdistan-journali.php, abgerufen 26.0.2014
  5. (Das persönliche Profil von Kawe Germiyani, das derzeit von seinem Bruder betrieben wird.): https://www.facebook.com/profile.php?id=100000463514496, abgerufen 26.0.2014

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