Hêmin Mûkryanî

1383052_197755590409003_1751319860_nSeîd Mûhemed Amîn Seîd Hesen Şêx û Al-Îslam ist der bürgerliche Name einer der berühmtesten kurdischen Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts. Doch nur die Wenigsten kennen ihn unter seinem bürgerlichen Namen. Denn er suchte sich einen neuen kurzen und vor allem kurdischen Namen aus, unter dem er dann bekannt wurde. Hêmin wollte er genannt werden. Hêmin ist ein kurdisches Adjektiv, das im Deutschen mit „still“, „ruhig“ oder „gelassen“ übersetzt werden kann. Aufgrund der Bedeutung findet Hêmin im Kurdischen auch als Vorname Verwendung. „Auch wenn die Dichtung keinen anderen Vorteil für mich hatte, so bin ich zumindest meinen langen Namen los geworden“, spottet er in seinen Memoiren. Hêmin wurde im Frühling 1921 in Lajîn, einem Dorf bei Mehabad geboren. Da diese Region um Mehabad auch Mûkrîyan genannt wird, wurde er Hêmin Mûkrîyanî genannt.

Hêmin Mukryani, wie sein bürgerlicher Name verrät, kommt aus einer religiösen und einflussreichen Familie. Aus einer Şêx-Familie, die in islamischen Gesellschaften einen hohen sozialen und religiösen Status genießen. Sein Vater schickte ihn zuerst in eine staatliche Schule in Mehabad, in der er die vierte Klasse erfolgreich absolvierte. Hêmin bezeichnet diese Zeit als die schlimmste Zeit seines Lebens. „Ich, ein kurdisches Kind aus dem Dorf musste in der Schule auf persisch lernen. Sogar meine Lehrer sprachen mit mir nur persisch“, schreibt er in seinen Memoiren. Auf den Wunsch seines Vaters hin, besuchte er nach der vierten Klasse eine religiöse Schule, damit er gemäß den Traditionen seiner Familie Imam wird. Als er siebzehn Jahre alt wurde, entschied er sich gegen diesen Wunsch für einen ganz anderen Weg, der bis dahin in seiner Familie ein Tabu war.

Er wurde Dichter. Nicht nur irgendein Dichter, sondern ein Dichter, dessen Name statt mit Stille und Gelassenheit, wie sein selbsterwählter Name verrät, mit Aufschrei und Sorge, die seine Gedichte auszeichnen, verbunden wird. Seine Gedichte beschreiben die Unterdrückung und die Ungerechtigkeit, die sein Volk ausgesetzt sind. Dies findet in dem, nach seiner Meinung nach, unvollendetem Werk „Nalley Jûdayî“ als „Geschrei der Trennung“ ihr Höhenpunkt, als er sagt:

Meine Klage
ist das Geschrei der Menschheit
ist der Aufschrei für Freiheit und Gleichheit
Mein Geschrei
ist der Wehruf der benachteiligten Kurden, jenes Volk,
das verleugnet wird, jedoch existiert
(Auszug aus “Nalley Jûdayî”)

Neben der Freiheit findet die Liebe größte Aufmerksamkeit in seinen Dichtungen. Seine Liebe für die Freiheit und seine Freiheit für die Liebe in seinen Gedichten machten ihn zu einem Pionier für die Liebe und Freiheit, die für ihn nur zusammen die vollkommene Schönheit Kurdistans ausdrücken konnten. Trotz der verzweifelten Lage Kurdistans blieb er seinen Prinzipien stetig treu. So sagt er in einem Gedicht:

Bis zum letzten Atemzug bleibe ich ein Pionier für die Liebe und die Freiheit,
selbst wenn mir außer Verzweiflung nichts Besseres bleibt
(Auszug aus “Aşq û Azadî”)

Über die Unterdrückung und die Ungerechtigkeit innerhalb seines Volks schwieg er ebenfalls nicht. Denn er sah in den kurdischen feudalen Stammesstrukturen das größte Hindernis für die eigentliche Freiheit und die Emanzipation der Kurden, besonders die der Frauen, deren Schönheit er in seinen Gedichten stets mit der Schönheit der Natur Kurdistans verbindet.

Die Schönheit Kurdistans setzt er zudem nicht nur mit der Natur, die ebenfalls Kern seiner Dichtung war, gleich, sondern mit den beispiellosen Liebeslegenden von Mem û Zîn, Xej û Sîabend, Şîrîn û Ferhad, die in der kurdischen Literatur eine gewichtige Rolle einnehmen. Zum Beispiel trauerte er Xanî würdigend in seinem Werk nach, da er nicht mehr lebe, obwohl die Liebe in Kurdistan immer allgegenwärtig ist. In seinem Gedicht „Liebe und Freiheit“ sagt er:

Lebt Xanî nicht mehr, um die Geschichte unserer Liebe zu erzählen
Denn es leben immer noch in Kurdistan eine Zîn und ein Mem
(Auszug aus “Aşq û Azadî”)

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Im Gegensatz zu anderen kurdischen Dichtern erwähnt Hêmin bei der Zitierung der Liebegeschichten immer die Frau vor dem Mann und setzt so eine klare Botschaft. Die Gleichberechtigung und die Freiheit der kurdischen Frauen ist für ihn die Bedingung für die Freiheit Kurdistans. Er beschreibt die Lage der Kurden, die nicht nur von Außen unterdrückt werden, sondern sich selbst auch unterdrücken, in den folgenden Versen am deutlichsten:

Bin Gefangener des verwickelten Ponys eines Kurdischen Mädchens
Guckt mal, wie eigenartig es ist, der Gefangener einer Gefangenen zu sein
(Auszug aus “Dîlî Dil”)

Das souveräne Leben eines kurdischen Mädchens im Dorf, das gleichberechtigt neben den Männern arbeitet, ist mit dem Leben jener Frauen, die in den von ihren Männern finanzierten Palästen sitzen, nie vergleichbar, wie er in einem anderen Gedicht darstellt.

Die Tochter der Agha´s, Şêx´s und Hajî´s leben im Elend und Unglück.
Freie Mädchen bestreiten ihren Lebensunterhalt durch die Spitze des Pflugs
(Auszug aus “Yadgarî Şîrîn”)

In seinen Gedichten appelliert er an Frauen, sich von gesellschaftlichen Hürden und Schranken zu befreien. Denn ohne die Freiheit der Frauen, ist die Freiheit der Kurden unmöglich. Das fragt er sich auch in seinem Gedicht „Yadgarî Şîrîn“, welches er der Unterdrückung der Frauen widmet.

„Wie wird ein Volk frei, ohne die Freiheit der eigenen Töchter?
Reicht es nicht endlich mit der Einsperrung der eigener Töchter?“

Trotz des Reichtums der Familie hat Hêmin ein leidvolles Leben geführt. Das elendige Leben der kurdischen Künstler hat er schon am eigenen Leibe erfahren. Er dichtete zwar gerne darüber, aber wirklich beschwert hat er sich nicht. Denn „das Leben habe ich selbst gewählt“, schildert er in einem Brief an seinen Freund Hejar, der ebenfalls ein namhafter kurdischer Dichter ist. „Mein Vater hat genug Erbe für mich hinterlassen, die ich aber im Spiel des Dichtens verloren habe“. Das Leben der Künstler hat er in einem Gedicht wunderschön dargestellt, dass wir für hier unsere Leser übersetzt haben.

“Ich sagte, Du, Nachtigall des leidvollen Herzen
lass dich von Hinterhalt und Nest nicht quälen
Du solltest wissen, wer Kunstschaffender ist
sogleich ein Arresstant oder ein Vertriebener ist
Ein Künstler und ein schönes Leben sind unvereinbar
Künstler sind leidvoll und ihr Leben ist bitter
Welch Fairness ist es, wenn ich mit meiner so schönen Stimme
Wie ein Gefangener, ein Arrestant stumm und tonlos verweile
Während die schwarzen Raben in den Gärten
mit Krach und Lärm das Gehör der Passanten schmerzen”

(Auszug aus “Babrdella”)

Hêmin blieb nicht nur bei der Dichtung, sondern engagierte sich auch politisch. Schon bei der Gründung von Jekaf 11060298_374710192713541_1490841314889844642_n(dt. Verein zur Belebung Kurdistans), eine Vorläufergruppe der demokratischen Partei Kurdistans-Iran, wird er Mitglied. Während der Ausrufung der Republik Mehabad trägt Hêmin seine Gedichte öffentlich vor. Nach der Zerschlagung der jungen Republik ging er zunächst in den Untergrund. Später in den irakischen Teil Kurdistans, in dem gerade ein Aufstand ausgebrochen war. Er beteiligte sich dort an dem Aufstand. Nachdem 1970 ein Autonomie-Abkommen zwischen den irakischen Kurden und Bagdad unterzeichnet wurde, zog er nach Bagdad und wohnte dort. Nach der islamischen Revolution im Iran 1979 ging er wieder in den Iran zurück. Er gab ein Magazin mit dem Namen „Srûwa“ heraus. Am 17. April 1986 verstarb er. Sein Haus in Mehabad wird von der Stadt als sein persönliches Museum geschützt.

Hêmins Dichtungen

  1. Nalley Jûdayî
  2. Ashq û Azadî
  3. Yadgarî Shîrîn
  4. Babrdalla

Quellen der Abbildungen:

  1. Quelle: https://www.facebook.com/HmnMwkryany/photos/pb.152222324962330.-2207520000.1447965400./197755590409003/?type=3&theater
  2. Quelle: https://www.facebook.com/HmnMwkryany/photos/pb.152222324962330.-2207520000.1447965009./305060026345225/?type=3&theater
  3. Quelle: https://www.facebook.com/HmnMwkryany/photos/pb.152222324962330.-2207520000.1447964990./374710192713541/?type=3&theater

Von Aras Karim
Dissident © 2015

 

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