Das kurdische Kino – Ein Überblick

Der Entstehungsmythos des kurdischen Films ist wahrscheinlich älter als dieser selbst. Es ist aber freilich nicht unproblematisch von einem kurdischen Film zu sprechen, ohne dabei oft ein wichtiges Kriterium zur Begriffsbestimmung zu übergehen. Die unzureichende Verwendung der kurdischen Sprachen in als „kurdisch“ vermarkteten Filmen, wird längst von der Klientel selbst bemängelt. Es geht dabei um die Bezeichnung einer neuen Filmkultur, die aufgrund der hohen Anzahl an Produktionen mit mannigfaltigen Themen, nicht als ein ethnisches Genre nationalen Kinos des Irans, Iraks oder der Türkei subsumiert werden kann. Die Frage, ob das kurdische Kino nicht um eine weitere definitorische Komponente ergänzt werden könnte, steht ebenfalls noch im Raum. Dabei heißt es, kurdische Filme seien nicht nur solche, die auf Kurdisch gedreht wurden. Der Begriffsumfang wird auf nicht-kurdischsprachigen Produktionen über die KurdInnen ausgeweitet. So könnte man filmsoziologisch von einer emischen und einer etischen Perspektive auf die kurdische Identität sprechen.

Kurdistan und seine Kulturen sind gemäß unserem heutigen Kenntnisstand seit 1920 von Filmschaffenden erschlossen. Der erste in Kurdistan entstandene Film war „die Teufelsanbeter“, die Erstverfilmung von Karl Mays Roman „Durchs wilde Kurdistan“. Dieser wurde im Auftrag einer deutschen Produktionsfirma von dem türkischen Regisseur Muhsin Ertugrul (damals noch Muhsin Ertugrul Bey) realisiert. Der Film gilt heute als verschollen. Eine historische Bedeutung kommt dem 1927 in der ArSS vom armenischen Regisseur Hamo Beknazaryan gedrehten semidokumentarischen Stummfilm Zarê zu. Der Film handelt von einer Liebesgeschichte bei den kurdisch-yezidischen Nomaden im Kaukasus und endet mit einer starken sozial-emanzipatorischen Messenge, da es der Protagonisten gelingt mit aller Deutlichkeit das Heiratsangebot des pisaxa (Sohn des Stammesoberhaupts) abzulehnen und ihren Geliebten zu heiraten.

(Quelle: http://www.karikatur-museum.de/_user/customer/7/images/zoom/20130604181942_Kino-Aushangfoto_Durchs_wilde_Kurdistan,_Motiv_Hat.JPG)

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Die Darstellung der kurdischen Identität in Filmkulturen des Nahen Ostens war bis in die 1990er Jahren geprägt von Chauvinismus, Denunziation und ideologischer Propaganda. Im türkischen Kino kreierte Atif Yilmaz mit seinem Film „Daglarin Kizi“ (1951, dt. Tochter der Bergen) das Bild des „Ostler“s (Dogulu) und erteilte der Repräsentation kurdischer Geschichte und Kultur im türkischen Kino eine nachhaltige Absage. Ähnliches kann auch für das iranische und arabische Kino attestiert werden, die ihre entfremdete kurdischen Charaktere hatten. Vor diesem Hintergrund distanzierten sich viele kurdischstämmige Filmschaffende von iranischen, türkischen und irakischen Nationalkinos und gingen zunehmend den „dritten“ Weg. So bleibt heute die wichtigste Aufgaben des sich neu konstituierendes kurdischen Films mit ausgeprägtem transnationalen Charakter, die Kitschs, Klischees und Stereotypen über die KurdInnen in orientalischen Filmkulturen des 20. Jahrhunderts zu destruieren. Bahman Ghodabi, einer der herausragendsten kurdischen Regisseure aus dem Iran, formulierte in einen Interview worum es eigentlich ihm und vielen anderen Vertreter des kurdischen Films geht: „Ich möchte meine eigene Kultur, die vielen äußeren medialen Zuschreibungen ausgesetzt ist, zu einem Kino und somit zu eigenen Bildern zu verhelfen.“ Eigene Bilder heißt die kurdische Kultur neu zu zoomen und ihre Geheimnisse und Chiffren freizuschaufeln.

(Quelle: http://www.mijfilm.com/images/content/482c1b0c67179161995c886c47cf6353.jpg)

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Der kurdische Film hat zwei verschiedene Quellwurzeln. Zum einen das Spätwerk von Yilmaz Güney, der anfang der 1980er Jahre maßgeblich an der Entwicklung des Politfilms in der Türkei beteiligt war. Seine Filme Yol (Der Weg), Sürü (Die Herde), Endise (Die Gefahr) und Duvar (Die Wand) lieferten wichtige Motive und kinematografische Impulse für den später entstandenen kurdischen Film. In Yilmaz Güneys Filmen fand die kurdische Kultur erstmals einen minimalen medialen Repräsentationsraum. Ihm folgten einige weitere türkische und persische Filmemacher, die in den 1990er Jahren ernstzunehmende Spielfilme gedreht haben, in denen soziale und politische Problemen in Kurdistan (Hakkaride Bir Mevsim, Katircilar, Isyan, Bad ma ra khanad bord, Günese Yolculuk, Hejar etc.) behandelt wurden. In diesen Filmen wird die kurdische Sprache, Musik und Identität politisch problematisiert und filmästhetisch verarbeitet.

Zum anderen ist es das magische Kino von Bahman Ghobadi, der sich zu Beginn seiner Karriere der reichhaltigen Erfahrung und den Darstellungsformen der iranischen Filmkultur bedient hat. Heute ist man sich einig, dass sein Kino eine eigene Bildsprache und Symbolkraft entwickelt hat und sich von iranischen Filmen im engeren Sinne unterscheidet. Ghobadis Kino hat sich im soranisprachigen Raum Kurdistans in vielfältigen Sujets und Genres bewährt. Von Komödien über Roadmovies ist sein räumliches Denken in Grenzen und schwarzer Humor dominierend. Wer glaubt Ghobadi würde nur die politischen Grenzen überwinden wollen, die wie ein Dolch im Herzen Kurdistans gestoßen sind, der irrt. An den politischen Grenzen offenbaren Ghobadi und seine Epigonen die Sehnsucht nach eigenen kulturellen Grenzen. Seit Ghobadis “Zeit der trunkenen Pferde“ ist das Interesse an mit schwarzem Humor versehenen Dramen groß, in denen die ZuschauerInnen anhand naiven und kindlichen Topoi als Leit- und Leidmotiv, über die Geschichte und soziale Lage der KurdInnen zum Nachdenken angeregt werden. Diesem Trend folgten einige weitere Regisseuren (Miraz Bezar: Min dît, Shewket Korkî: Crossing the Dunst (Perrinewe le xobar), Karzan Kader: Bekas etc.) und drehten Filme, deren zentrale Rollen sie mit Kindern besetzten.

(Quelle: http://www.silvercine.de/images/product_images/popup_images/93_3.jpg)

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Es ist nicht nur Ghobadi, der die kurdische grenzübergreifende Identität entdecken will und zudem ein Grenzproblem hat. Nizamettin Arincs Film (Kilamek ji bo Beko, dt. Ein Lied für Beko) aus dem Jahr 1992 überwindet mühselig fast alle politischen Grenzen in Kurdistan und spielt in Syrisch-Kurdistan, Türkisch-Kurdistan und Irakisch-Kurdistan. In Hüseyin Karabeys türkisch-kurdische Liebesgeschichte Gitmek, herrscht Chaos und die Ungewissheit des Kriegs. Die Grenzen sind nahezu unüberwindbar, die Hauptdarstellerin versucht über den Iran nach Südkurdistan zu gelangen, um dort ihren vermissten Freund zu finden.

Der Schauplatz im Hiner Selîms Dol ist ein türkisch-kurdisches Grenzdorf im Länderdreieck Türkei-Irak-Iran. Auch sonst gehört Hiner Selîm zu den kritischen Regisseuren, der neuerdings seine Kamera immer mehr nach innen richtet. Das markante Merkmal seines Schaffens ist der geografische Zugang zu Kurdistan. Das ist eine neue Tendenz, die auch unter den Dokumentarfilmern in kurmancî- und zazakîsprachigen Nordkurdistan und Westkurdistan zu beobachten ist. Durch die Landschaftsbilder wird Kurdistan filmisch kartografiert und das kurdische Kino aus den kulturellen Zwischenräumen befreit und rückt seinen Konflikten und Themen näher.
Weiterhin sind einige nennenswerte multikulturelle Dramen und Komödien entstanden, wie David und Layla von Jay Jonroy, Aprilkinder von Yüksel Yavuz oder Deine Schönheit ist nichts wert von Hüseyin Tabak. Auch Kurzfilme erfreuen sich besonders unter den jungen Filmschaffenden einer enormen Beliebtheit. Filme mit eindeutigem politisch-ideologischen Inhalt machen knapp die Hälfte des Filmkanons aus. Besonders hervorzuheben wären die Filme Ax, Fotograf und Bahoz von Kazim Öz, der den türkisch-kurdischen Konflikt aus der Sicht der kurdischen Befreiungsbewegung nachgeht.

Die anfängliche Lethargie und der Geschichtspessimismus im kurdischen Kino scheinen noch nicht überwunden. Doch steht dem jungen kurdischen Kino genug Erzählmaterie für vielfältige Themen und verschiedene Möglichkeiten der Ästhetik zu Verfügung. Daher hat es noch viel zu erzählen und es wird noch viel erzählen. Es ist kein gezähmtes, „braves Kino“, das sich hinter leicht zu dechiffrierenden Bildern versteckt. Das Themenspektrum umfasst bisher eine Fülle an gesellschaftlich und politisch signifikanten Brennpunkte, wie Kampf gegen archaischen Traditionen, Armut, staatliche Repressionen, politische Kämpfe, Migration, Leben in der Diaspora.

Eine ausgewählte Filmografie

Sürü (Die Herde)
Regie: Zeki Ökten
Drehbuch: Yilmaz Güney
Datum/Ort: 1979, TR
Laufzeit: 129 Min
Sprache: Türkisch
Produktion: Yilmaz Güney

Yol (Der Weg)
Regie: Yilmaz Güney, Serif Gören
Drehbuch: Yilmaz Güney
Datum/Ort: 1982, TR
Laufzeit: 114 Min
Sprache: Türkisch, Kurdisch
Produktion: Edi Hubschmid

Mem û Zîn 
Regie: Ümit Elci
Drehbuch: Emit Elci, Hamza Özbal (aus dem Liebesepos Mem û Zîn von Ehmedê Xanê)
Datum/Ort: 1991, TR
Laufzeit: 91 Min
Sprache: Türkisch, Kurdisch
Produktion: Aksiyon Yapimcilik

Kilamek ji bo Beko (Ein Lied für Beko)
Regie: Nizamettin Arinc
Drehbuch: Nizamettin Arinc
Datum/Ort: 1992, DE/Arm
Laufzeit: 100 Min
Sprache: Kurdisch
Produktion: Malita Film

Siyabend û Xecê 
Regie: Sahin Gök
Drehbuch: Hüseyin Erdem (aus kurdischer Oralliteratur adaptiert)
Datum/Ort: 1995, TR,
Laufzeit: 95 Min
Sprache: Türkisch
Produktion: Senar Turgut

Ax (Erde)
Regie: Kazim Öz
Drehbuch: Kazim Öz
Datum/Ort: 1999, TR
Laufzeit: 27
Sprache: Kurdisch, Türkisch
Produktion: Mezopotamya Sinema

Kacaxciyên Xewna (Beyond our Dreams)
Regie: Hiner Selîm
Drehbuch: Hiner Selîm
Datum/Ort: 2000, FR
Laufzeit: 100 Min
Sprache: Kurdisch, Französisch
Produktion: Canal+, Les Films du Rivage, UGC International

زمانی برای مستی اسب‌ها (Zeit der trunkenen Pferde) 
Regie: Bahman Ghobadi
Drehbuch: Bahman Ghobadi
Datum/Ort: 2000, IR
Laufzeit: 75 Min
Sprache: Kurdisch, Persisch
Produktion: Farabi Cinema Foundation

Jiyan (Leben)
Regie: Jano Rosebiani
Drehbuch: Jano Rosebiani
Datum/Ort: 2002, Irak, USA
Laufzeit: 102 Min
Sprache: Kurdisch
Produktion: Evini Film

Perre Dima So (Folge der Feder)
Regie: Özay Sahin
Drehbuch: Özay Sahin
Datum/Ort: 2004, DE
Laufzeit: 88 Min
Sprache: Deutsch, Kurdisch(Zazakî)
Produktion: Moneypenny Filmproduktion GmbH

Jani Gel (Das Leiden des Volkes)
Regie: Jamil Rostami
Drehbuch: Ibrahim Ehmed
Datum/Ort: 2007, Irak Laufzeit: 100 Min
Sprache: Kurdisch
Produktion: Suli Film

Derbûyîna ji Bihûstê (The Fall from Heaven)
Regie: Ferit Karahan
Drehbuch: Ferit Karahan
Datum/Ort: 2014, TR
Laufzeit: 88 Min
Sprache: Kurdisch, Türkisch
Produktion: Blue Door Production

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Von Rahmet Yelken
Dissident © 2015

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